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Lieber junger Freund,

danke für Ihre ausführlichen Berichte von der Unternehmensfront! Sie sind auf einem guten Weg, wie ich sehe. Es brodelt also bereits überall im Betrieb, die Mitarbeiter fühlen sich kontrolliert, aber nicht unterstützt, diejenigen, auf die ihr Schützling nicht hört – die Besten also – überlegen bereits einen Wechsel.

Aber, lieber Kollege, die Zahlen sind noch zu gut. So können unsere Auftraggeber die Firma nicht billig übernehmen. Die haben einfach ein gutes Produkt.
Ich rate Ihnen daher, die Daumenschrauben etwas anzuziehen und dem Geschäftsführer eine andere Sicht auf seine Führungsrolle zu vermitteln.

Schon misstraut er seinen Mitarbeiter:innen, jetzt wird es Zeit, dieses Misstrauen zu forcieren! Machen Sie ihm klar, dass er sowieso der einige ist, der weiß, wie der Hase läuft. Eigentlich ist es ohnehin sein Verdienst, dass die Firma läuft. Organisieren Sie doch zum Beispiel seine Teilnahme an einem Vanity-Event. Soll er doch, beklatscht von anderen eitlen Gecken, über seine Erfolge referieren. Mühelos sollte ihm dort gelingen, die Anstrengungen des Teams als seine Anstrengung, die Innovationen seiner führenden Entwickler:innen als seine Ideen und die Verkaufskraft seiner Vertriebler:innen als seinen Erfolg – seinem Charisma geschuldet – zu präsentieren. 
Achten Sie bitte darauf, dass Zeitungsberichte darüber unbedingt auf der Firmenhomepage stehen bzw. auf dem internen „Schwarzen Brett“ ausgehängt werden – die Mitarbeiter:innen müssen das natürlich brühwarm unter ihre nichtsnutzigen Nasen gerieben bekommen. Sie werden sehen, das hat unmittelbare Auswirkungen.

Es wird natürlich ein paar sture Typen geben, die trotzdem einfach weiterhin ihr Bestes geben – aber für diese gibt es ja ein probates Mittel: Der Hasen-Zick-Zack-Kurs! Alt, aber immer noch gut.

Ziele setzen, diese ändern. Diese Ziele möglichst nicht erklären. Da ihr Geschäftsführer ja noch wenig Ahnung hat vom Geschäft, wird ihm das nicht schwerfallen. Lassen Sie ihn „Strategiepapiere“ aufsetzen, die sich in Richtung „15% mehr Umsatz im nächsten Quartal bei 10% Einsparung bei den Kosten“ bewegen. Oder launchen Sie mit ihm drei für das Unternehmen neue Produkte oder Dienstleistungen für eine völlig neue Zielgruppe, die bis dato noch niemand bedient hat.
Nennen Sie das „Diversifizierung“ und erklären sie ihm, dass seine Ideen genial, die Ausführungen durch sein „Personal“ aber höchst uninspiriert sind.
Sollte dies, wider Erwarten, doch gelingen, schwenken Sie um: Ziele setzen und Mittel verweigern.

Aber dazu nächstes Mal mehr!

Lassen Sie mich nochmals sagen, dass Sie für uns alle eine Inspiration sind!

Herzlichst
S.



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